Feuerstuhl No. 2

José Pierre
Dreams that money can buy
Für Annie Le Brun

Egon Günther: Die Bremsen los!, 1991
Öl auf Leinwand

In der Silvesternacht freuten sich die späten Passanten, die zu irgendeinem Festessen eilten, ohne zuvor dafür gesorgt zu haben, dass sie ein Geschenk für ihre Gastgeber hatten, stets sehr darüber, an der Ecke Waterloo Road / Boulevard Saint-Germain auf die liebenswerte Gestalt des Träumehändlers zu treffen.

Gegen Zahlung einer geringfügigen Summe erhielten sie von ihm eine Art kleinen, in schneeweißen Flaum eingehüllten Ballon, den sie, an einem Stück dünnen Metalldrahts befestigt, mitnehmen konnten. Im ganzen übrigen Jahr ließ sich der Träumehändler nicht blicken.

Es wurde empfohlen, beim Verschenken dieses kleinen Ballons zu sagen: „Mögen Ihre liebsten Träume Wirklichkeit werden!“ Die Person, die ihn geschenkt bekam, musste ihn dann ans Kopfende ihres Bettes binden, möglichst nahe am Kopf des Schlafenden. Viele, die es ausprobierten, erklärten hinterher, sie hätten sich in der Nacht leicht, ja richtig federleicht gefühlt. Wahrscheinlich hatten sie unbewusst an die Eigenart des Ballons gedacht und sich mit seinem Drang emporzuschweben identifiziert. Diejenigen aber, die wissen wollten, was eigentlich dahinter steckte, fanden nach dem Zerstechen des Ballons nur eine Art billigen Plüsch, der innen wie außen auf die ganz gewöhnliche Gummihaut geklebt war. Und das Ding hatte so wenig gekostet, dass sie nur die Achseln zuckten und nicht mehr daran dachten.

Mimi Parent: Die Vergewaltigung, 1981
Öl auf Sperrholz und verschiedene
Materialien, 61 × 78 cm

Nun kam es aber eines Jahres zu einem Skandal. Alle Bewohner eines Gebäudes, die zufällig kleine Traumballons verschenkt oder selbst geschenkt bekommen hatten, erwachten nach einem feuchtfröhlichen Silvesterschmaus in einem Bett, das nicht ihr eigenes war. Aber der Zufall – falls er es war – hatte das eigentlich recht gut gemacht: Leute, die sich nur heimlich lieben durften, Liebende, die zu schüchtern waren, sich ihre Gefühle einzugestehen, waren wie durch ein Wunder zusammengeführt worden. Aber erweisen Sie einmal den Leuten gegen ihren Willen etwas Gutes! Kaum war der erste Augenblick der Ungezwungenheit vorbei, sorgten sich manche schon um das Gerede der Leute, um die Ehrbarkeit, um die öffentliche Moral, um die Meinung ihrer Concierge und um andere Albernheiten. Die Hirnrissigsten gingen so weit, Anzeige zu erstatten.

Man machte, wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten, den alten Mann, der Träume verkaufte, ausfindig. Er gab schließlich zu, dass er das Jahr über nur die kleinen Mädchen der Volksschule und die besonders ungeschickten Einbrecher als Kunden hatte. Letzteren, so hieß es, gelangen damals einträgliche Beutezüge.

Doch im Laufe des Prozesses wollte das Gericht lediglich die moralische Seite des Skandals in Betracht ziehen. Der Oberstaatsanwalt erklärte: „Wenn alle Träume Wirklichkeit würden, wäre das Anarchie!“ Von der extremen Rechten bis zur äußersten Linken stimmten sämtliche Gazetten zur gleichen Zeit wie der Urteilsspruch dieser lapidaren Formulierung zu.

Dem Träumehändler wurden Herstellung und Verkauf jedes erdenklichen Gegenstands untersagt. Aber da man ja sein Auskommen haben muss, gestattete man ihm schließlich, unter strenger Aufsicht recht sonderbare kleine Bilder zu verkaufen, die er selber malte. So sah man ihn jeden Sonntagnachmittag mit einer bestimmten Anzahl um ihn her aufgestellter Gemälde an der Ecke Waterloo Road / Boulevard Saint-Germain stehen. Doch die Leute mochten seine Bilder nicht, denn auf ihnen waren weder röhrende Hirsche auf Waldlichtungen noch Katzen auf Sofakissen noch Sonnenuntergänge über dem Meer zu sehen.

Er wäre glatt verhungert, der einstige Träumehändler, wenn ihm von Zeit zu Zeit nicht ein ehemaliger Kunde – ein kleines Mädchen, das Prostituierte geworden war, ein Einbrecher, der es zum Bankier gebracht hatte – aus Mitleid eines seiner Gemälde abgekauft hätte. Aber solch ein Gemälde stellte der Käufer, sobald er zu Hause war, vermutlich in eine Ecke, in einen Schrank oder auf den Dachboden. Denn wer interessiert sich schon für die Träume der anderen?

Aus: D’autres chats à fouetter, 1968

© Egon Günther & Heribert Becker, 2018