Feuerstuhl No. 2

Hervé Delabarre
Eine fromme Geschichte

Marie Carlier: Hüterin dieser uralten
Zauberworte, 1985
Öl auf Leinwand, 116 × 81 cm
Jean-Claude Charbonel: Schamane
ein Mädchen initiierend, 2000
Acryl auf Leinwand, 116 × 89 cm
Rik Lina: Schwarze Sonnenwende, 2009
Öl auf Leinwand, 140 × 140 cm

Die teilnahmsvollen Unterhosen
versuchen den Kosmonauten zu trösten,
der verzweifelt ist, seinen Kompass verloren zu haben,
und nicht mehr weiß, wohin,
noch ob er einen Kneifer,
eine Zuckerstange oder ein Kornett benötigt,
um mit den Sternen zu sprechen,
den Asteroiden die Nase zu putzen,
die Planeten mit Engelshaaren zu säubern,
die je nach der Stimmung des Tages vibrieren
wie Wäscheleinen oder Saiten einer Lyra.

Hätte eine lüsterne Hand, vom Vatikan entsandt oder nicht,
ihn doch nur von seinem Spitzbogenleiden befreit,
er hätte sich in einer dieser verrufenen Kneipen wiederfinden können
in Gesellschaft der Menschenfresser und der Tugenden von der
Straßenecke,
damit beschäftigt, die Gläser zu spülen,
die vor Schminke triefen und Lippen wegschwemmen,
oder damit, die Klerikerbärte abzuwischen,
die von überall und nirgends herbeigekommen sind,
um den Spülstein zu feiern,
in dem sich einmal ein Prophet die Füße gewaschen hat.

Vielleicht hätt‘ er sogar wie ein auf der Theke sitzender Ara
die Dünung mit ihren Versen die Netzstrümpfe peitschen sehen
und ihre aufs Unbekannte der Häute geöffneten kleinen Luken,
wie auch die Knöchel,
die unter ihren Kettchen aus Krallen noch aggressiver sind.
Und außerdem, welch ein Vergnügen hätt‘ er genossen,
unter den Soutanen im Sterben liegende Psalmen ächzen zu hören,
so dass er darüber all seine Sorgen vergessen hätte,
um schließlich einen an religiösen Pflichten hängenden Kraken
zu begleiten,
Allah oder Jehova beweinend,
das Gemächt unter seiner Kippa stolz aufgerichtet.

Ein solches Programm hätte sicher viel besser als die Programme
der NASA
den Krawatten neues Leben verliehen,
hätte die Tränen sämtlicher Unterhosen genährt
und sogar so etwas wie eine Soutane gerührt,
so wie die Träume manchmal morgens eine vergessen.

Leider war dem nicht so.
Fortan keine Ablenkungsmittel mehr
außer einem Funken Exil
oder gar einem letzten Seufzer, ausgestoßen beim Rasieren
unter der Glut der brennenden Balken, die die Reime tanzen lassen,
trotz des Zasters, der wiederum friert wie Stein und Bein.

Außer einem Schulhof,
auf dem eine Nackte Sägemehl der Dogmen
in die spermabespritzten Latrinen kehrt
vor den Augen der Frau, die mit der Reitpeitsche in der Hand
und in glänzenden hohen Stiefeln
darauf wartet, den Mond aufscheinen zu sehen,
der nichts anderes als ein Stück Pappe ist
oder die blasse Imitation eines verliebten Lächelns.

Wir müssen zurück zu den Unterhosen,
die beginnen, den Kosmonauten anzuflehen,
die ihn mit ihren Bitten bedrücken und seinen Segen verlangen,
um ihr Seelenheil zu gewinnen,
rein und ohne Arg ins Paradies zu gelangen,
sei‘s das Allahs oder das der Vache qui rit1.

Doch diesen kümmert das nicht,
er sieht sich nicht als Prophet
und schon gar nicht als Erlöser.
Es gibt, so sagt er, weniger Glauben, als gute Figur zu machen
und vor Fieber schlotternd, da er die Grippe hat, ruft er
Mutter, meine Mutter, die Wärmflasche, bitte!

Seine zwei linken Hände, so hofft er,
werden ihm die Schweißtropfen trocknen können,
sogar den Zaster seiner Schwestern,
werden ihn endlich von seinen astralen Koliken befreien.
Doch wie soll er vergessen, dass sein verstorbener Vater
einmal zu ihm gesagt hat
Das sind keine Hände, Kuhschwänze sind das.

Aus La Nuit succombe suivi de Carène, 2017


1 bekannte frz. Schmelzkäsemarke (Anm. d. Übers.)

© Egon Günther & Heribert Becker, 2018