Feuerstuhl No. 2

Pariser Surrealistengruppe
Ab in eure Hütte, ihr Kläffer Gottes!

Diese Welt, dieselbige von allen Dingen, hat wed ein Gott
noch der Menschen einer gemacht, sondern sie war immer
und ist und wird immer sein ein ewig lebendiges Feuer, nach
Maßen sich entzündend und nach Maßen erlöschend.

Heraklit

León Ferrari: Die christlich-abendländische
Zivilisation, 1965
Assemblage

Während der Feind an der Front des vernagelten Rationalismus wahrlich jede Art von Mut verloren zu haben scheint, zeichnet sich an der komplementären Front der Religion ein Wiederansteigen der Aktivität ab. Vor achtzehn Jahren beklagte einer von uns1, Rimbaud habe sich „dadurch schuldig gemacht, dass er gewisse entehrende Interpretationen seines Denkens, etwa in der Art Claudels [...], nicht vollkommen unmöglich gemacht hat”. Dass heute am Buchstaben dieses Tadels anscheinend festgehalten werden muss, liegt daran, dass er vor allem unsere konstante Absicht bezeugt, die Werte, auf die wir uns trotz in diesem Zusammenhang strenger Vorbehalte, bei denen unsere Forderungen nach Reinheit nicht das geringste Zugeständnis dulden, nach wie vor zu berufen gedenken, nicht den Hunden zu überlassen. Bescheinigen wir beiläufig Jacques Gengoux, Autor des Werks La Symbolique de Rimbaud2, dass er uns nicht wie der widerliche Speckschieber3 das Rimbaud’sche Denken streitig macht. Dennoch würden wir uns exakt in die Situation Rimbauds begeben, wenn wir nicht die Entstellungsversuche, diesmal unseres eigenen Denkens und erneut zugunsten der gleichen niederträchtigen Sache, zum Scheitern brächten.

Nennen wir einige dieser übrigens bekannten Versuche: Im Juli 1947 erklärt in der Zeitschrift Témoignage ein Benediktiner namens Dom Claude Jean-Nesmy: „Das Programm André Bretons zeugt von Bestrebungen, die unseren eigenen völlig parallel laufen.” Im August schreibt Claude Mauriac in La Nef über Fata Morgana4: „Ein Christ hätte nicht anders gesprochen.” Im September verkündete Jean de Cayeux in Foi et Vie, er sei bereit, mehrere Vorschläge, die einer von uns in einem Artikel geäußert hat5, ohne weiteres gegenzuzeichnen, soweit sie sich mit den Vorstellungen der ökumenischen Bewegung vereinbaren ließen. Seither ist in den Cahiers d’Hermès (II) die scharfsinnige Untersuchung von Michel Carrouges, „Surréalisme et occultisme”, erschienen, deren volle Bedeutung, will sagen: apologetische Bedeutung, erst mit einer kürzlich veröffentlichten Arbeit des gleichen Autors, La Mystique du Surhomme (Die Mystik des Übermenschen), deutlich geworden ist6. In La Table Ronde (4 und 5) schließlich gab es die Ausgeburten von Claude Mauriac zu lesen, der vielleicht selbst nicht weiß, dass er Christ ist, aber bei der Vorstellung aus dem Häuschen gerät, einen künftigen Essay Saint André Breton zu betiteln − was für eine Farce!

Franklin Rosemont: Collage, 1976
In: Arsenal. Surrealist Subversion (Chicago), Nr. 3

Es kann nicht darum gehen zu diskutieren. Umso weniger, als das surrealistische Denken in diesen Texten nicht immer in der strengen Bedeutung des Wortes verfälscht dargestellt wird. Carrouges beispielsweise kann man, zumindest was seinen Artikel, wenn nicht gar sein Buch angeht, schwerlich vorwerfen, er entstelle das surrealistische Denken. Doch alle diese Vorstöße beruhen in mehrfacher Hinsicht auf dem Versuch einer allgemeinen Irreführung, deren Anstifter heute wie seit eh und je das betrügerische Gesindel der Kirchen ist. Übrigens sind es nur noch Gaunereien dieser Art, mit deren Hilfe besagte Kirchen ihren Einfluss auf die Welt des Denkens aufrechterhalten, seit sie die Geheimnisse eingebüßt haben, die sie vorübergehend zu usurpieren vermochten − obgleich auf religiösem Gebiet die wirklichen Geheimnisträger zumeist Häretiker waren (mit denen sich das surrealistische Denken, wie wir durchaus zugeben, in bestimmten Punkten berührt). Carrouges gibt den atheistischen Anspruch der Surrealisten zu. Er räumt ein, dass dieser Atheismus zu einem prometheischen Mystizismus imstande ist, das heißt zu einem Heilsstreben innerhalb des Menschen im Feuerbach’schen Sinne dieses letztgenannten Wortes. Dieser humanistischen Mystik stellt er das jüdisch-christliche Emporstreben zum himmlischen Jerusalem gegenüber − ein Vergleich, der vertretbar ist. Neben anderen hatte umgekehrt schon unser Gefährte Calas in Foyers d’incendie (Brandherde)7 das Ziel, das Hegel, Marx, die Surrealisten dem Menschen setzen, demjenigen gegenübergestellt, das die Kirchenväter ihm setzen. Der Betrug ist also anderswo. Er liegt in der Benutzung jedes atheistischen Protests im Allgemeinen und des surrealistischen Protests im Besonderen zu apologetischen Zwecken. Eine solche Benutzung zielt darauf ab, zur Grundlage des neuen apologetischen Systems der verschiedenen Kirchen zu werden. Niemand hat diese maßlose Prätention zynischer zum Ausdruck gebracht als Pierre Klossowski in seinem perfiden Werk über Sade. Klossowski zufolge ist Sade kein Atheist. Der Atheismus existiert gar nicht, sondern es gibt lediglich eine Auflehnung des Geschöpfs, die eine extreme Äußerung seiner Verbitterung angesichts der fleischlichen wie der geistigen Lage ist, die ihm seitens des Schöpfers auferlegt wird. Sades Gott ist laut Klossowski der Gott Saint-Fonds, das heißt ein Gott des Bösen wie derjenige des Karpokrakrates, ein Gott, der aber wie jede Emanation des Reichs der Finsternis dadurch, dass er dem Lichtgott entgegentritt, diesen als notwendige Ergänzung setzt und so dem Menschen, selbst Sade − selbst dem Surrealisten, könnte Carrouges sagen − das Wort des Guten zurückgibt, das imstande ist, ihn alles erkennen zu lassen, sogar das Böse. Man wird die Hegel’sche Form der Argumentation bemerkt haben. Aber ist es noch nötig zu betonen, dass wir es hier eben nur mit der äußeren Form zu tun haben? Wenn Hegel von Gott sprach, waren die Christen nicht der Meinung, dass diese Silbe sehr authentisch klang. Aber auch Aristoteles’ Gott war nicht derjenige der Schrift, und dennoch hat die aristotelische Logik zur Zeit des heiligen Thomas dem Christentum für ein weiteres Jahrtausend wieder auf die Beine geholfen. Seit Kierkegaard hat es den Anschein, als erwarte man den gleichen Dienst von der Hegel’schen Dialektik. Jedenfalls gehen die Kirchen von jetzt an davon aus, dass selbst Gott zu leugnen noch bedeutet, ihn zu bejahen, und, wird dieser erste Satz einmal akzeptiert, dass ihn zu bekämpfen bedeutet, an ihm festzuhalten, dass ihn zu verabscheuen heißt, nach ihm zu verlangen.

Toyen: Ohne Titel, 1932

Auf diese Weise hat die christliche Exegese, während sie sich weiterhin mit dem, was sie Heilige Schrift nennt, auseinandersetzt, die Möglichkeit gefunden, wie sie sich mit gegen diese Heilige Schrift gerichteten Texten beschäftigen kann, um aus ihnen die gleichen Schlüsse zu ziehen. Bei derartigen dialektischen Vorstößen, die gern möchten, dass ebenso wie Sade und Rimbaud, von Lautréamont ganz zu schweigen, auch die Surrealisten zur mystischen Verherrlichung eines so genannten Gotts beitragen, handelt es sich keineswegs, wie man glauben könnte, um Initiativen von „Avantgarde”-Christen. Sie rühren von einer sehr verbreiteten Tendenz her, sowohl die Antithese als auch die These gelten zu lassen, aber nicht im Hinblick auf irgendeine Synthese, sondern auf ein sehr bewusst gespieltes Doppelspiel − eine Tendenz, die insbesondere in den Chefetagen der katholischen Kirche zu beobachten ist. Man kennt die scheinbar in sich widersprüchliche, tatsächlich aber komplementäre Haltung, die der Klerus sich während der Besatzungszeit zu Eigen gemacht hat. In dem oben erwähnten Artikel spricht de Cayeux von einem Hirtenbrief, in dem Kardinal Suhard in einer anscheinend sehr großzügigen Auslegung der Bullenbulle Leos XIII., Æterni Patris, zu verstehen gibt, der Thomismus könne von den Gläubigen ganz gegensätzlich aufgefasst werden, je nachdem, ob sie sich auf dem Boden des Dogmas oder auf dem der Philosophie bewegen möchten. Zu Weihnachten vergangenen Jahres verbreitete der gleiche scharlachrote Maulesel einen Aufruf, in dem es hieß, die Nächstenliebe sei von Übel, wenn sie von der Gerechtigkeit entbinden wolle, und es gebe keine andere menschliche Lösung für das Unglück des Menschen als eine neue menschliche Ordnung. Man darf nicht glauben, der traditionelle Begriff der christlichen Nächstenliebe würde damit an den Nagel gehängt, denn es steht den Gläubigen frei, sich auch hier wieder auf einen scheinbar in sich widersprüchlichen, aber immer noch komplementären Doppelstandpunk zu stellen, je nach dem, ob sie eine Lösung in dieser Welt oder in Gott suchen. Müssen sie übrigens nicht beide bemühen, wenn sie sich zugleich nach dem Dogma richten und vor der revolutionären Lösung schützen wollen?

Es ließen sich leicht weitere Beispiele anführen. Sie beweisen alle, dass die Christen von heute mit Argumenten hantieren, die sie sich aus einem ziemlich bunt zusammengewürfelten Haufen theologischer Abfalleimer zusammengelesen haben, um so mit den unterschiedlichsten Gegebenheiten fertig zu werden. Unter diesen Umständen ist jede Diskussion in Ermangelung der geringsten Konstanz in der von ihnen benutzten Sprache, das heißt wegen ihrer fundamentalen Doppelzüngigkeit, unmöglich. Das ist sie übrigens immer schon gewesen. Deshalb mögen die Exegeten trotz der Tatsache, dass die Gottesvorstellung als solche uns nur ein Gähnen der Langeweile zu entlocken vermöchte, weil die Umstände aber, bei denen sie ins Spiel gebracht wird, dazu angetan sind, unsere Wut zu entfachen, nicht überrascht sein, wenn sie uns noch zu den „Rüpeleien” des primitiven Antiklerikalismus greifen sehen, für den das auf die Kultgebäude von Charleville gepinselte Scheiß auf Gott8 immer noch das klassische Beispiel ist. Dass die Politiker unter ihnen aus Taktik dem Anathema entsagen, genügt nicht, damit wir dem, was sie Gotteslästerungen nennen, entsagen, barsche Anreden, die in unseren Augen natürlich ohne jeden Gegenstand im göttlichen Bereich sind, sondern nur weiterhin unsere unwandelbare Abneigung gegen jedes Auf-den-Knien-Liegen zum Ausdruck bringen.

Paris, den 14. Juni 1948


Adolphe Acker, Sarane Alexandrian, Maurice Baskine, Jean-Louis Bédouin, Hans Bellmer, Jean Bergstrasser, Roger Bergstrasser, Maurice Blanchard, Joë Bousquet, Francis Bouvet, Victor Brauner, André Breton, Jean Brun, Pierre Cuvillier, Pierre Demarne, Charles Duits, Jean Ferry, André Frédérique, Guy Gillequin, Arthur Harfaux, Jindřich Heisler, Georges Henein, Maurice Henry, Jacques Hérold, Véra Hérold, Marcel Jean, Alain Jouffroy, Nadine Kraïnik, Jerzy Kujawski, Pierre Lé, Stan Lélio, Pierre Mabille, Jehan Mayoux, Francis Meunier, Nora Mitrani, Henri Parisot, Henri Pastoureau, Benjamin Péret, Gaston Puel, Louis Quesnel, Jean-Dominique Rey, Claude Richard, Jean Schuster, Iaroslav Serpan, Seigle, Hansrudy Stauffacher, Claude Tarnaud, Toyen, Clovis Trouille, Robert Valançay, Jean Vidal, Patrick Waldberg


1 André Breton: Second manifeste du surréalisme
2 Kurz vor Drucklegung des vorliegenden Textes erfahren wir, dass der Jesuitenpateranwärter Jacques Gengoux das Priesterseminar verlassen hat und sein Gelübde nicht ablegen wird.
3 Gemeint ist der katholisch-reaktionäre Schriftsteller Paul Claudel, der vorzeiten u.a. eine katholische Rimbaud-Interpretation geliefert hatte und den die Surrealisten von Beginn an verabscheuten; siehe den oben abgedruckten „Offenen Brief an Monsieur Paul Claudel...” (Anm.d. Übers.).
4 langes Gedicht von André Breton, im Dez. 1941 beendet (Anm.d.Übers.)
5 Henri Pastoureau: „Pour une offensive de grand style contre la civilisation chrétienne”. In: Le Surréalisme en 1947. Éd. Maeght
6 Carrouges, ein Jesuit, veröffentlichte 1950 das Buch André Breton et les données fondamentales du surréalisme (Anm.d.Übers.).
7 Nicolas Calas: Foyers d’incendie. Paris 1938 (Anm.d.Übers.)
8 Merde à Dieu: Das Graffitto stammt von Arthur Rimbaud (Anm. d. Übers.).

© Egon Günther & Heribert Becker, 2018