Feuerstuhl No. 2

Vorbemerkung

Jorge Camacho: Der Lockvogel, 1981
Öl auf Leinwand, 146 × 114 cm

Dass man mir die Gelegenheit geboten hat, die 2. Nummer der Zeitschrift Feuerstuhl nach meinem Gusto mit Inhalt zu füllen, ehrt mich. Als großer Sympathisant des Surrealismus und als jemand, der zu diesem Thema bereits eine Menge publiziert hat, habe ich mich dafür entschieden, eine Auswahl von surrealistischen Texten und Bildwerken vorzuschlagen. Fast alle diese Texte erscheinen hier erstmals in deutscher Übersetzung, und es sind in der Hauptsache solche, die exemplarisch die Bemühungen der Surrealisten außerhalb ihrer im engeren Sinne literarischen und bildkünstlerischen Aktivitäten dokumentieren.

Für mich gibt es im 20. Jahrhundert keine künstlerisch-intellek­tuelle Bewegung, die die gravierenden Defizite der bürgerlich-kapitalisti­schen Welt, mehr noch: die Abgründe der abendländisch-christlichen Zivilisation insge­samt deutlicher gebrandmarkt und entschiedener bekämpft hat. Die erste Äußerung des Surrealismus datiert bekanntlich aus dem Jahr 1919 (Publikation der Champs magnétiques), das heißt, diese „kleine Fraktion unabhängigen Denkens“, wie André Breton sie genannt hat, wird in Kürze hundert Jahre alt. Kann ein so betagtes künstlerisch-intellektuelles Phänomen heute noch, im digitalen Zeitalter, von irgendwelchem Interesse sein?

Fakt ist, dass die großen surrealistischen Bildkünstler immer noch in zahllosen Ausstellungen weltweit einem nicht kleiner werdenden Publikum präsentiert werden, und Tatsache ist ferner, dass in einer ganzen Reihe von Ländern bis heute organisierte surrealistische Gruppen existieren, die bemüht sind, die 1924 mit der Gründung der Pariser Surrealistengruppe entfachte Flamme des Protests und der Revolte gegen die bestehenden geistig-moralischen, politischen und materiellen Zustände in unserer Welt am Lodern zu halten − zugegebenermaßen öffentlich ungleich weniger wahrgenommen als ihre Vorgänger. (Wer sich einen Überblick über diese Gruppen und Grüppchen verschaffen möchte, sei auf die Website forum.psrabel.com von Peter Schneider-Rabel hingewiesen.)

Protest und Revolte: es ging und geht den Surrealisten nämlich keineswegs nur um Ästhetisches – darauf möchten ihre unzähligen Feinde sie seit jeher nur zu gern reduzieren. Nein, über Kunst und Literatur hinaus forderten diese erklärten Revolutionäre – auch Sozialrevolutionäre – vehement ein fundamental anderes Denken, eine andere gesellschaftliche Ordnung, eine andere Welt.

Die Reduktion auf das „Schöne“ ist weitgehend gelungen, denn das kapitalistische System, das uns mehr denn je beherrscht, verleibt sich Ästhetisches, so widerständig es sein mag, ohne Mühe ein, verdaut es und spuckt es, seiner subversiven Substanz beraubt, als konsumierbare Ware wieder aus. Mit den außerästhetischen Konterattacken der Surrealisten ist das womöglich nicht ganz so leicht, weshalb sie von der system-konformen Kulturindustrie immer wieder totgeschwiegen werden.

Um dem ein klein wenig entgegenzuwirken, habe ich für diese 2. Nummer des Feuerstuhls vor allem Texte ausgewählt, die der „normale“ Leser kaum zu Gesicht bekommt. Ein Beispiel unter vielen ist das Pamphlet „Pollutionsgefahr“ von Max Ernst, dessen bildnerisches Werk als eines der bedeutendsten des 20. Jahrhunderts anerkannt wird, wohingegen dieser glühend antichristliche Text meines Wissens bislang noch nie vollständig auf Deutsch erschienen ist.

Heribert Becker

P.S. Die Auswahl der Texte und Abbildungen sowie alle Übersetzungen aus dem Französischen besorgte der Verfasser dieser Vorbemerkung.


© Egon Günther & Heribert Becker, 2018